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Pennais in lind – Reiseberichte

Verfasst: Di 9. Jun 2009, 19:50
von Daeras
Nur zögerlich betritt der Waffenmeister die ehrwürdige Halle der Erinnerungen.

Er scheint sich in Gegenwart der alten, in Leder gebundenen Bände und Schriftrollen nicht sonderlich wohl zu fühlen, genausowenig wie in der schlichten, rostroten Stoffrobe die er statt der gewohnten Rüstung trägt. Tatsächlich ruft der Anblick all der Schriften, all des Wissens das hier versammelt ist Erinnerungen in ihm wach, die er dieser Tage lieber verdrängt. Dennoch wendet er sich nur zögerlich vom Anblick der nächstgelegenen Bände ab. Sein Anliegen ist ein anderes. Er hatte gehofft, die Hüterin der Bibliothek selbst anzutreffen, doch der Raum scheint leer zu sein. Halb wendet er sich zum Gehen, als sein Blick auf ein Pult mit einigen losen Blättern, wie sie zum Schreiben von Briefen verwendet werden, fällt. Er beschließt, eine Nachricht zu hinterlassen, denn wer konnte ahnen, wann er erneut den Mut fassen würde, sich an diesem Ort einzufinden.


Le suilon, pethron Melianme,

einige Mondläufe nun ist es schon her, dass Ihr bei einer der Versammlungen unseres Hauses Eure Absicht kundtatet, eine Chronik von Reiseberichten und Erlebnissen zu sammeln, die uns auf den Wegen Ennoraths aufzeichnenswert erschienen. Es gibt eine solche Begebenheit, die ich gern zu Papier bringen möchte...findet sich noch Platz in einem Eurer Bände, so werde ich versuchen, sie in Worte zu fassen.

Na-den pedim ad, navaer,

Daeras

Er verharrt einen Moment mit der Feder über dem Papier, als wollte er noch etwas hinzufügen, dann legt er sie beiseite, und wendet sich zur Tür.

Re: Pennais in lind – Reiseberichte

Verfasst: Mo 29. Jun 2009, 11:30
von Daeras
Einige Tage später erscheint der Waffenmeister erneut in der Bibliothek und hinterlässt - nachdem er sie erneut verlassen vorfindet - eine Pergamentrolle neben seinem Brief. Entrollt, liest sich das folgende:

Mehrere Generationen der Menschen liegt das, von dem ich berichten möchte, zurück, doch findet sich noch jedes Detail, jedes Wort, das damals fiel, klar in meiner Erinnerung … Ich war zu jener Zeit sehr jung, kaum alt genug, um im Gebrauch von Waffen unterwiesen zu werden, doch das Dunkel hatte in unseren Wäldern Einzug gehalten. Es verging kaum ein Tag, an dem wir nicht neue Anzeichen der Verderbtheit sahen, die sich der einstigen Schönheit unserer Heimat bemächtigte. Unaufhaltsam, so schien es manchmal.
Unsere Traditionen, und mit ihnen meine Erziehung, wandelte sich im Schatten der Ereignisse. Im Gefolge der Finsternis waren Orks in unser Land eingefallen, und mit ihnen kamen andere, weniger greifbare Wesen … Einige von euch haben eigene Erinnerungen an diese vergangenen Tage, die doch der Gegenwart so ähneln, so dass ich nicht weiter darauf eingehen muss. Viele von uns gingen vor ihrer Zeit, zu viele ...

Unsere Kundschafter berichteten von einem Lager der Orks, das nicht unweit der Heimstatt meiner Sippe errichtet worden war. Sie schienen sich dort regelrecht anzusiedeln, und so zögerten wir unseren Angriff nicht hinaus. Wir trafen sie unvorbereitet, und obwohl ihre Gegenwehr heftig war, stand unser Sieg bald fest. Uns entging nicht, dass sich der Widerstand um den Eingang einer niedrigen Höhle in der Felswand, die das Lager begrenzte, zu konzentrieren schien. Doch die verbliebenen Orks waren hoffnungslos in der Unterzahl. Voller Eifer, mich zu beweisen, nutze ich eine Lücke in ihrer Verteidigung und drang in den Höhleneingang vor, während meine Gefährten die letzten der Wachen in Schach hielten. Nyânna, eine nur um Weniges erfahrenere Kämpferin, mit der ich oft trainierte, schloss sich mir an. Der Gang war eng und wir konnten kaum aufrecht stehen, während das von draußen hereinscheinende Tageslicht rasch hinter uns verblasste. Es musste sich um eine natürliche Formation handeln und es kam mir vor, als läge noch ein leichter Geruch von Bären in der Luft. Es war schwer zu sagen, unter all den orkischen Ausdünstungen. Wir waren noch nicht sehr weit vorgedrungen als im Halbdunkel zwei Orks auf uns zustürmten, doch waren wir vorbereitet und sie stellten keine Herausforderung dar. In dem Moment verschwendete ich keinen zweiten Gedanken darauf, doch waren sie fast erstaunlich schwach, und nur mit leichten Messern bewaffnet. Es blieb der einzige Zwischenfall.
Für einige, unerträglich lang scheinende Augenblicke tasteten wir uns in Dunkelheit voran. Nur noch selten trug der Gang einen gedämpften Schrei, das metallische Aufeinanderschlagen zweier Waffen an uns heran, und bald brach einzig das Geräusch unserer Schritte und unseres Atems die lauernde Stille. Dann sahen wir vor uns einen schwachen, flackernden Feuerschein, der uns den Weg in eine niedrige Höhle wies. Es schien sich um eine Art Wohnraum zu handeln. Um ein zentrales, fast heruntergebranntes Feuer waren achtlos einige einfache Gefäße und Nahrungsreste verstreut, Felle waren wie als Schlafstätten entlang der Wände ausgebreitet. In der Luft hing schwer der Geruch von Orks und verdorbenem Fleisch. Ich könnte kaum sagen, was wir zu finden erwartet hatten, gestohlene Artefakte, einen Gefangenen, vielleicht einen Anführer, Ratgeber … etwas, das den Orks zu wertvoll erschien, um kampflos im Stich gelassen zu werden. Und so war es denn auch, wenngleich anders, so anders als wir gedacht hätten …
Im hintersten Winkel der Höhle zeichnete sich eine zusammengekauerte, seltsam unproportioniert wirkende Gestalt ab. Nach einem Moment des Zögerns durchschritt ich den Innenraum, und zog einen der noch brennenden Holzscheite aus dem Feuer, ohne das Wesen aus den Augen zu lassen. Es fauchte giftig, als ich mit der behelsmäßigen Fackel in seine Richtung leuchtete, und wich tiefer in den Schatten zurück. Es war zu klein für einen Ork, viel zu klein, und doch... kurz dachte ich an einen Goblin oder ein ähnliches Wesen, aber ich ahnte bereits, wie falsch ich damit lag, als Nyânna hinter mich trat. „Es ist ein Kind … ein Ork-Kind … “ wisperte sie kaum hörbar. Schritt für Schritt näherte ich mich ihm, die behelfsmäßige Fackel vor mir ausgestreckt wie zum Schutz gegen ein wildes Tier. Seine Klauen hielten etwas umklammert … einen Knochen, an dem es vor unserem Auftauchen genagt haben mochte. Gelbe Augen funkelten mich an, als das Licht auf runzlige Gesichtszüge fiel. Und auf seine Beute. Die Nahrungsgewohnheiten der Orks waren mir hinreichend bekannt, aber dennoch spürte ich eine heftige Übelkeit in mir aufsteigen. Ich rang nach Atem, der Gestank in der Höhle kam mir plötzlich unerträglich vor. Ohne Nachzudenken hob ich mein Schwert, um dem Greuel vor meinen Augen ein Ende zu bereiten, und ich hätte wohl zugestoßen, wäre Nyânna nicht plötzlich von hinten in meinen Arm gefallen. „Es ist ein Kind“, zischte sie mir ins Ohr. „Was immer es tut, du kannst es nicht dafür verantwortlich machen … du kannst es nicht einfach abschlachten … “ Der Vorwurf in ihrer Stimme ließ mich meine Waffe senken. Ich drehte mich zu ihr. „Was willst du machen, es hier lassen und tun als wäre nichts geschehen?“ fuhr ich sie gereizt an. „Es ist ein Ork, Nyânna, du siehst es doch, willst du warten bis es aufwächst, und … und … “ Ich brachte den Satz nicht zu Ende. Ich konnte es nicht. Sie war an mir vorbeigetreten, und griff nun nach dem sich an die Wand pressenden Wesen. Ich glaube, es zitterte … als ruckartig der Kopf vorstieß und sich spitze Zähne in die Hand meiner Gefährtin bohrten. Ich muss geflucht haben, doch ich ließ mein Schwert fallen und packte es unsanft am Genick, woraufhin es von Nyânna abließ. Es knurrte, schlug mit kurzen Gliedern um sich, während ich es aufhob, aber seine Klauen und Zähne schrammten wirkungslos an der Panzerung meiner Armscheinen entlang. Ich starrte Nyânna wortlos an, aber sie erwiderte meinen Blick mit ungebrochener Entschlossenheit. „Wir nehmen es mit … es ist jung, vielleicht ist es nicht zu spät, unsere Weisheit mit ihm zu teilen … dann können wir sehen, wer von uns recht behält.“ Sie blickte mich abwartend an, schien Widerspruch herauszufordern. Ich schüttelte nur stumm den Kopf, unfähig, ihr etwas entgegenzusetzen. Das widerspenstige Etwas fest in meinen Armen, folgte ich ihr nach draußen.

Ich muss wohl kaum erwähnen, was für einen Eindruck unser Fund auf unsere Gefährten machte, die noch immer damit beschäftigt waren, das Lager zu sichern. In diesem Kampf hatten wir niemanden verloren, aber Verletzungen gab es genug, und kaum einer war ohne Angehörige und Freunde, die durch die Orks ums Leben gekommen waren. Unglauben herrschte vor gegenüber dem Wesen, das ich zurück in unser Lager trug … Nyânnas Entscheidung traf auf offene Ablehnung und Verständnislosigkeit, doch gab es auch solche, die ihr zustimmten. Man beschloss, den Rat einzuberufen am folgenden Tag, denn die Nacht brach herein und die Versorgung der Verletzten schien von größerer Dringlichkeit als das Schicksal eines Ork-Kindes. Und so wurde es, trotz Nyânnas vorhersehbaren Protests, reichlich unzeremoniell am Rande des Lagers mit einer Art Leine an einen Baum gebunden, in direktem Sichtfeld einer der Wachen. Uns wurde unmißverständlich signalisiert, dass es nicht länger in unsere Verantwortung fiel, unsere Hilfe wurde bei den Verwundeten gebraucht. Ich müsste lügen, würde ich sagen, dass ich nicht erleichtert gewesen wäre, meine Aufmerksamkeit anderen Dingen zuwenden zu dürfen.
Am nächsten Morgen war es fort, das Seil durchschnitten. Der Wächter wusste von nichts zu berichten, ein Geräusch hatte ihn einige Schritte ins Unterholz treten lassen. Als er zurückkehrte, war es nirgends mehr zu sehen. Die Angelegenheit wurde nie geklärt, und, so muss ich sagen, auch nie mit großer Entschlossenheit untersucht … Ich habe mich oft gefragt, was aus ihm wurde. Ob außergewöhnlich heimlich vorgehende, orkische Späher es befreit haben oder – nicht. Denkbar ist so vieles. Vielleicht, nur vielleicht, will ich es nicht wissen.

Re: Pennais in lind – Reiseberichte

Verfasst: Mi 1. Jul 2009, 21:33
von Litreth
Toll geschrieben Daeras! Mein Lob und Anerkennung hast du :D

Ich danke vielmals für die schöne Abendlektüre!

Re: Pennais in lind – Reiseberichte

Verfasst: Do 2. Jul 2009, 13:30
von Daeras
danke, freut mich dass es euch gefallen hat :-)

Re: Pennais in lind – Reiseberichte

Verfasst: Do 2. Jul 2009, 15:53
von Lugaidh
ooc: Daumen hoch! :harp: ;)