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Aus Nurfiniels Leben

Verfasst: Do 26. Mai 2011, 21:53
von Nurfiniel
Seicht strich der Abendwind durch die Krone des alten Baumes, unter dessen grünem Dach sich eine Elbenfamilie versammelt hatte. Die sechs Frauen und zwei Männer schwiegen und man konnte erkennen, dass jeder seinen Gedanken nachhing. Zu weitreichend erschien allen das vorher Gesagte und nun war es an der Zeit, insich zu gehen und Entscheidungen zu treffen. Es war Nurfiniel, die zuerst den Blick hob und einen nach dem anderen ansah: ihre beiden Schwestern und deren Gefährten sowie ihre drei Nichten."So ist es also euer fester Wille, unseren Eltern Lessien und Celebrim Telumehtar nach Aman zu folgen?" Ihre jüngste Schwester Morfareth nickte langsam und bedächtig.

"Ja, mein geliebter Huor Nénharma und ich haben uns entschieden. Wir wollen Lindon verlassen und unsere Eltern wiedersehen. Zu lange schon sind wir von ihnen getrennt und die Sehnsucht nach ihnen und dem Land im Westen erfüllt seit einiger Zeit unsere Herzen und wird stärker und stärker." Ihr Gemahl drückte leicht Morfareths Hand zur Bestärkung. Nun ergriff Nevthoniel, die mittlere der drei Schwestern das Wort. "Den Worten Morfareths kann ich mich nur anschließen. So wie sie und Huor empfinden auch Amras und ich. Dies ist zwar die Heimat in die wir hinein geboren wurden, doch gehören wir nach Aman, und nachdem dieses Land niemals wahren Frieden finden wird, sich die Spätgeborenen immer weiter ausbreiten und wir fühlen, dass unsere Zeit sich dem Ende neigt, so gibt es für uns nur eines...den Weg nach Westen. Dein Weg dagegen wird ein anderer sein." Erstaunt blickt Nurfiniel ihre Schwester an. "Woher willst du das wissen? Und was wird aus deinen Töchtern Urthoniel und Arafiniel, oder aus Berenfareth?" Die letzten Worte waren an Morfareth und Huor gerichtet.

"Natürlich haben wir unsere Kinder befragt und ihnen die Entscheidung überlassen," antwortete Nevthoniel. "Sie haben einhellig beschlossen bei dir zu bleiben, Nurfiniel. Deine Taten, deine Tapferkeit, dein starker Wille waren ihnen immer ein Vorbild. Und bedenke dein Schicksal. Der Weg, der dir vorgezeichnet ist, wird kurvenreich und steinig sein. Doch du wirst Freunde finden, die dir helfen werden das Werk zu vollenden, das man dir zugedacht hat. Vertraue auf die Khazâd, doch meide die Menschen. Ihnen kann man nicht trauen, sie sind schwach und wankelmütig. Das haben sie mehr als einmal bewiesen." Bei diesen letzten Worten verfinstert sich die Miene der Elbin, deren Weisheit in der ganzen Familie als unstrittig galt. In den langen Jahren ihres Lebens hatte sie die Reiche der Menschen aufsteigen und fallen sehen. Numénor und sein Untergang, die Zerstörung der Reiche Arnor, Rhudaur und Cardolan, das Streben nach Macht gepaart mit Unvernunft, all das hatte in der Elbin die Meinung bestärkt, die Spätgeborenen sollten am besten sich selbst überlassen werden. Doch dann war da noch das Erbe der Valar. Sie hatten einst den Elben Mittelerde anvertraut und somit auch die jüngeren Völker. Lange Zeit hatten die Elben den Dunklen Herrscher und seine Schergen bekämpft, teils unter sehr großen Verlusten. Doch es gab immer noch genügend im Volk der Noldor, die den Mut nicht verloren hatten und zu diesen gehörte unzweifelhaft Nurfiniel, die Waffenmeisterin und das wusste ihre Schwester nur zu gut. Liebevoll nahm sie ihre Schwester in den Arm und sprach tröstend zu ihr: "Viel Leid wird dir begegnen, viel Schmerz und viel Enttäuschung. Doch du wirst nicht daran zerbrechen wie manch anderer. Wenige Freunde wirst du finden, doch diese werden in unverbrüchlicher Treue zu dir stehen und den Weg mit dir beschreiten bis ans Ende." Nurfiniel vernahm ihre Worte und bewahrte sie in ihrem Herzen, waren sie doch wie ein Vermächtnis.

Nurfiniel erblickte das Licht der Welt im Jahre 2992 des zweiten Zeitalters als älteste der drei Töchter von Lessien und Celebrim Telumehtar. Ihr edles Antlitz verriet die Zugehörigkeit zu einem der Häuser der Elbenfürsten und in der Tat war ihr Vater mit dem Hause Fingons verwandt, er war ein Vetter von Gil-Galads Mutter. Ihre Kindheit verbrachte sie unbeschwert in Lindon, dem grünen Land am Fuße der Ered Luin in Gesellschaft ihrer jüngeren Schwestern. Ihr Vater diente im Heer Gil-Galads als Waffenmeister und Ausbilder der jungen Krieger. Dabei schaute ihm seine Tochter gerne zu und als sie alt genug war, ließ ihr Vater ihr ein kurzes leichtes Elbenschwert schmieden, dass er ihr zum 15. Geburtstag schenkte. Von da an übte Nurfiniel fast täglich.
Die Jahre vergingen und Nurfiniel wurde erwachsen, und so scharf wie ihre Klinge war auch ihr Verstand. Sie begnügte sich nicht mehr damit, sich in der Kunst der Klingenführung zu üben sondern suchte auch die Bibliotheken auf und studierte die alten Schriften. Eines Tages riefen ihre Eltern sie zu sich und eröffneten ihr, dass nun der Zeitpunkt gekommen sei, sich auf Reisen zu begeben um die Brüder und Schwestern in den anderen Elbenreichen zu besuchen. Nurfiniel schaute beide aus ihren ruhigen, klaren grauen Augen verwundert an: "Ihr schickt mich fort?" "Ja, denn du musst noch vieles lernen, mehr als das was wir dich lehren konnten."

Schwer fiel den Eltern der Abschied, doch wussten sie, dass diese Reisen unumgänglich waren für den späteren Werdegang ihrer Tochter und so gaben sie schweren Herzens ihren Segen. Lange Zeit wanderte Nurfiniel unter den Sternen und gewährte stets den Hilfsbedürftigen ihre Unterstützung, ohne jemals dafür Dank zu erwarten. Sie weilte jeweils eine zeitlang bei den Elben Lóriens, führte lange Gespräche mit Galadriel und Celeborn bevor sie in den Großen Grünwald weiterreiste und einige Monde am Hofe König Thranduils verbrachte. Doch irgendwann überkam sie das Heimweh und die Sehnsucht nach ihren Eltern und so trat sie die lange Heimreise an.

Bevor sie jedoch die Ered Luin überquerte und hinabstieg in die lieblichen Ebenen ihrer Heimat, weilte sie noch eine Weile bei den Zwergen. Dort fand sie Gefallen an der Schmiedekunst der Khazâd und fand sogar einen Lehrmeister, der sie in der Kunst der Rüstungsfertigung unterwies. Als sie nun nach Jahren der Wanderschaft endlich daheim eintraf war die Freude groß. Nurfiniel wurde auf das Herzlichste von ihren Eltern, ihren Schwestern und deren Ehemännern begrüßt. Aber zu ihrem Erstaunen waren auch noch drei junge Elbinnen zugegen, die ihre als ihre Nichten Urthoniel, Arafiniel und Berenfareth vorgestellt wurden. Während ihrer langen Abwesenheit hatten die Valar ihre Schwestern und Schwager mit Nachkommen gesegnet, und nun musterten die drei Mädchen ihre Tante mit großen Augen und unverhohlener Neugier. Am Abend der Heimkehr versammlte sich die ganze Familie unter einem Kirschbaum und Nurfiniel musste ausgiebig von ihren Erlebnissen berichten.

In der darauffolgenden Zeit verbrachten Arafiniel, ihre Schwester Urthoniel und ihre Cousine Berenfareth sehr viel Zeit mit ihrer Tante. Sie lernten viel und es war nicht zu übersehen, dass sie dieselbe Eigenschaften besaßen: Mut, Willensstärke und Intelligenz. Immer häufiger baten sie ihre Eltern, ihre Tante begleiten zu dürfen wenn diese unterwegs war, und so wurden sie mit der Zeit unzertrennlich.

Eines Tages rief Celebrim Telumehtar seine Älteste zu sich. An seiner sorgenvollen Miene erkannte Nurfiniel, dass etwas Schwerwiegendes ihren Vater belastete. Ohne Umschweife begann der alte Waffenmeister zu sprechen: "Meine geliebte Tochter. Kunde ereilte uns, dass unsere Heimat in Gefahr ist und Gil-Galad ein Heer aufstellt, um gemeinsam mit den Menschen in die Schlacht gegen Sauron zu ziehen." Aus den alten Schriften und mündlichen Überlieferungen wusste Nurfiniel nur zu gut, was dies bedeutete. Sie nickte nur und sagte: "Ja, die Elben im Großen Grünwald berichteten schon seit langem, dass sich ein Schatten breit macht. Die Tiere sind wilder geworden und immer mehr Orks wurden gesehen. Selbst die Natur sei feindseliger geworden, sagen die Elben." Der alte Kämpe seufzte tief. "So ist es in der Tat und nun hat sich das Böse offenbart. Wenn wir nichts unternehmen, so ist unsere Welt dem Untergang geweiht. Elendil hat bereits seine Zusage gegeben, sich mit uns zu verbünden. Die Heerschau wird in wenigen Tagen stattfinden und ich werde von euch allen Abschied nehmen müssen." Tief betroffen blickte Nurfiniel ihren Vater an. "Aber Adar, Ihr glaubt doch nicht, dass ich zurückbleiben werden. Ich will mit Euch in den Krieg ziehen, schließlich bin ich geübter im Umgang mit Waffen als manch anderer, der auserwählt wird den König zu begleiten." Energisch schüttelte ihr Vater den Kopf: "Nein, Nurfiniel. Das kann und werde ich deiner Mutter nicht antun. Du wirst hier bei den anderen bleiben und, falls wir versagen, für ihre Rettung sorgen. Nehmt eines der Schiffe und segelt nach Westen, solange ihr noch könnt." Nurfiniel spürte wie ernst es ihrem Vater war und widersprach nicht. Doch schmiedete sie insgeheim andere Pläne.

Der Krieg währte elf Jahre, bis Sauron endlich besiegt war und viele Edle fielen im Kampf, darunter auch Gil-Galad. Nun verband Celebrim Telumehtar nichts mehr mit Lindon und so nahmen er und seine Gemahlin Lessien Abschied von ihren Lieben. Círdan versuchte ihn noch umzustimmen und zum Bleiben zu bewegen, aber dann gewährte er ihnen doch einen Platz auf einem der weißen Schiffe, die zu dieser Zeit zahlreich von den Grauen Anfurten nach Westen segelten. Nurfiniel und ihre Schwestern mit ihren Familien dagegen blieben, auch wenn ihnen die Trennung von ihren Eltern sehr schwerfiel.

Doch nun stand wieder ein Abschied an und wieder waren die Herzen vor Trauer schwer. Wie gerne hätte auch Nurfiniel ihre Angehörigen begleitet, aber sie wusste nur zu gut, dass ihre Zeit noch nicht gekommen war. Immerhin war es ihr ein Trost, dass sich ihre drei Nichten dafür entschieden hatten bei ihr zu bleiben anstatt ihre Eltern nach Westen zu begleiten.


ooc: Diese Geschichte habe ich schon vor einigen Jahren verfasst. Mit Sicherheit sind darin einige Fehler enthalten. Wem also etwas auffällt, der möge es mir bitte sagen. Dann schreib ich die Geschichte entsprechend um, das ist überhaupt kein Problem. Nur blamieren mag ich mich nicht :)